Grundlagen

Vollkommen durchgeknallt

Keiner hatte mir gesagt, dass ich vollkommen verrückt war. Ich meine, sie müssen es doch gemerkt haben. Aber das ist möglicherweise ein Problem, wenn man einigermaßen resilient, intelligent und schauspielerisch begabt ist: man kann seinen wahren Zustand über lange Zeit vor der Welt verbergen. Und das hatte sicher auch sein Gutes, denn ich glaube, dass ich selbst besser in der Lage war, mich selbst zu heilen (das ist lustig, weil ich mit diesem Satz so tue, als wäre ich tatsächlich geheilt) als es Psychiater und Psychiatrie hinbekommen hätten.

Ich kann mich noch an eine besonders markante Begebenheit erinnern. La Gendronnière irgendwann Anfang der neunziger – das ist das Zen-Kloster, indem ich mich zum Zen-Mönch ordinieren ließ. Während der Übungsperioden gab es neben langen Runden schweigender Sitzmeditation sogenannte Mondos. Das waren feierliche Momente, bei denen alle Anwesenden aufatmeten, weil das langweilige Sitzen mit schmerzenden Knien und verkrampftem Rücken vor der Wand für eine Stunde unterbrochen wurde.

Alle Anwesenden positionierten sich dann so, dass sie den Meister, der oben auf seinem erhöhten Thron saß, gut sehen konnten. Wer immer ein Anliegen hatte und sich traute, konnte nun die Gelegenheit ergreifen, vor zum Meister gehen, sich verbeugen, niederknien und öffentlich eine Frage stellen. Und da ich schon immer zu den Early Movern gehörte und gerne bereit war, in Hoffnung auf spirituelle Erlösung meine innere Überspannung noch weiter auf die Spitze zu treiben, erhob ich mich, schlängelte mich zwischen den Sitzenden hindurch, verbeugte mich den Ritualen gemäß vor dem Meister, setzte mich und stellte meine Frage.

Das war natürlich keine einfache Frage. Es sollte langsam klar geworden sein, dass ich nie in der Lage war, klare, einfache und direkte Fragen oder Gedanken zu entwickeln. Also stotterte und erstolperte ich mir einen Weg, der zu etwas Frageähnlichem führte. 350 Zen-Praktizierende lauschten gebannt als ich etwas folgender Art hervorbrachte: „Ich habe gar keine Wünsche, die ich loslassen könnte. Was mache ich also hier und was soll ich während der Meditation tun?“

Der ganze Raum lachte. Und Roland tat mir keinen Gefallen, als er gütig und freundlich antwortete, dass jeder Wünsche hätte. Ich denke er hätte mir mehr geholfen, wenn er mir damals direkt auf den Kopf zu gesagt hätte, ich müsse total verrückt sein, wenn ich keine Wünsche hätte. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Zum eigenen Wahnsinn erwachen

Klar, ich hatte Wünsche gehabt. Aber diese waren zu frühen Zeiten auf so harten Widerstand getroffen und die Reaktionen, die ich beim Versuch erntete, meine zugegeben ehrgeizigen Ziele in kürzester Zeit zu erreichen, hatten mir schnell klar gemacht, dass es hier keinen Platz für mich und meine Ambition gab. Kar man hätte mir helfen können, meine intensive innere Dynamik zu kultivieren, aber dazu hätte es Menschen mit brauchbarer Übersicht, vielen Kompetenzen und Engelsgeduld gebraucht. Diese sind generell recht rar und in meinem Kindheitsumfeld gab es davon keine.

Also echte Ziele, Wünsche und Ambition eingemottet, mich außen brav und innerlich tot gestellt und irgendwie einen Weg gesucht, ein Leben zu führen, indem ich nicht vorkam.

Ich hatte es im letzten Beitrag angedeutet, aber noch nicht verallgemeinert: Wenn Menschen den Weg innerer Komplikation aka Wahnsinn (durch die Augen des normalen, sich durch die Andersartigkeit des anderen bedroht Fühlenden betrachtet) wählen, dann suchen sie möglicherweise eine Lösung für massive Kommunikations- und Rückmeldungsprobleme mit einer gefühlt feindseligen und/oder übergriffigen Welt.

Ich hatte über lange Zeit eine tolle Lösung für meine Probleme mit einer Welt gefunden, die meinem Temperament, meiner Energie und meiner Intelligenz nicht gewachsen zu sein schien und mit einer hasserfüllten Aggression auf mich reagierte, die zumindest in Teilen in Überforderung mit mir wurzeln musste. Indem ich mich nach innen verzog und mich mit großer Ausdauer um meine inneren Phänomene drehte konnte ich mich diesen Reaktionen der Welt über lange Zeit entziehen.

Aber das stimmt natürlich nicht ganz: Die Umwelt meiner Kindheit habe ich über lange Jahre als extrem feindselig, aggressiv und übergriffig erlebt. Was danach geschah war allenfalls die Reaktion und Nicht-Reaktion der Welt auf meinen Rückzug und meine Verweigerung, mich mit den bodenständigen Tatsachen der Welt zu befassen. Wenn ich noch ehrlicher bin, dann habe ich gar keine Ahnung, wie die Welt heute zu mir steht und mit welchen Reaktionen und Wechselwirkungen ich rechnen darf, wenn ich mal etwas anderes zeige, als meine zur Perfektion entwickelte Nabelschau. Ich gehe wohl davon aus, dass ich noch immer mit einer ähnlichen Feindseligkeit rechnen muss und verhalte mich entsprechend verhalten.

Mentaler Masturbationsmodus

Was ich entwickelt habe ist so etwas wie ein mentaler Masturbationsmodus. Man hat irgendwie immer etwas zu tun und kann seinen Hormonspiegel auf einem angenehm spannenden Niveau halten und seine Interaktion mit der Welt auf ein Maß beschränken, mit dem man selbst und mit dem die Welt zurecht kommt. Eine tolle Übergangslösung wie ich finde.

Aber es gibt natürlich auch gewisse Probleme, wenn man sich nicht abschließend aus dem sozialen Gefüge verabschieden möchte und das geht ja tatsächlich nicht. Jede Form materiellen Selbsterhalts in unserer Gesellschaft erfordert ein Minimum an Interaktion mit derselbigen. Der Gang zum Amt, der kleine Job, der einen über Wasser hält, Freunde und Familie, die man anpumpt, der Gang zum Psychiater, der einen mit Drogen versorgt (den ich nicht brauche, weil ich eine höhere und gesündere Form von Wahnsinn kultiviert habe) und so weiter. Und diese Versorger begnügen sich meist nicht mit der Rolle gütiger Ressourcen- und Drogenspender, nein, sie stellen Forderungen. Und das ist fast gut so.

Ambivalente Welt

Also irgendwie gut und irgendwie nicht. Denn die Forderung, selbstverantwortlich das eigene Leben in die Hand zu nehmen, ist absolut legitim und wichtig. Aber wenn diese äußersten und letzten verbleibenden Verbindungsstellen zur Gesellschaft in ihrer gefühlten Überlegenheit glauben, sie wüssten, wie ein solches selbstverantwortliches Leben für einen hoch komplexen, hoch kreativen und hoch dynamischen Menschen gelingen kann und welche Maßnahmen zu ergreifen sind, dann haben wir es leider mit einer anderen Form von Wahnsinn, genannt Narzismus und massive Selbstüberschätzung zu tun. Diese Formen sind übrigens recht verbreitet.

Aber da sind wir wieder bei jenem Punkt, den ich das letzte mal angesprochen habe: Differenzierung. Das Kind behalten und das Bad ausschütten. Die Aufforderung zur Selbstverantwortung ernst nehmen und die allzu einfachen, weil untauglichen Lösungen zurückweisen. Dann komme ich bei meinem ursprünglichen Problem heraus und das ist gut so. Oder vielleicht komme ich bei umfassenden Lösungen heraus, weil ich die ursprünglichen Probleme mittlerweile weitgehend gelöst habe:

  1. Ich weiß um meine Hochbegabung und die Unfähigkeit vieler meiner Mitmenschen, meinen abstrakten, komplexen Gedanken und meiner elaborierten Sprache zu folgen
  2. Ich weiß um meine große Ambition und die Bedeutung der vielen kleinen Dinge und Aufgaben, die zu erledigen sind, um Großes zu bewirken.
  3. Ich weiß auch, dass es wichtiger ist, meiner Ambition mit einer gesunden Spannung zu folgen als das Ende des Regenbogens tatsächlich zu erreichen
  4. Darüber hinaus weiß ich um meine hohe Kreativität und meine bis zum Narzissmus ausgeprägte Extroversion. Ich weiß auch, dass ich gefordert bin, diese in den Dienst meiner Ambition zu stellen und angemessene Ausdrucksformen zu finden. Das bleibt tatsächlich noch ein anspruchsvoller Punkt.
  5. Ich habe viele Trigger entschärft und habe immer weniger mit von außen getriggerten heftigen Affekten und Peak-Ernergy-Ego-States zu tun.
  6. Ich habe eine größere Distanz zu meinen Impulsen und meinen Eingebungen gefunden und kann die Spannung halten, um Impulse wirken und sich innerlich bewähren zu lassen, bevor ich zur Tat schreite. Damit bin ich jetzt in der Lage, mein früheres Gezappel in zielgerichtete und angemessene Dynamik und Aktivität zu überführen.
  7. Ich habe die ganzen archaischen Notmechanismen, genannt chronifizierte posttraumatische Belastungsstörung, durch lange und intensive Traumaarbeit in moderate, hirnmoderne und sozial-verträgliche Modi überführt.

Aber es gibt ein anderes Problemchen, dass durch diese ganzen Lösungen entstanden ist: Ich habe den Weg von einer extremen, sozial nahezu vollkommen unlebbaren inneren Verfassung zu einer einigermaßen im sozialen Miteinander lebbaren Verfassung zurückgelegt. Darin liegt zweierlei:

  • Eine Biographie, die sich in großem Maße von jener der Allgemeinheit unterscheidet.
  • Ein immenser Reichtum an Erfahrung und Kompetenz, der sich vielleicht irgendwie sinnvoll einsetzen lässt. Vielleicht aber auch nicht. Sie erinnern sich an den ersten Beitrag hier.

So betrachtet hänge ich möglicherweise tatsächlich „nur“ noch in meinen alten Abwehr- und Ausweichstrategien fest (wie erinnern uns – mich nach innen fokussieren und mich um mich selbst drehen), weil ich noch nicht so richtig gemerkt habe, dass ich diese Strategien nicht mehr brauche und mich jetzt anderem zuwenden könnte.

Vertraute Wahnsinnsstrategien

Klar ist dieser Übergang in der Praxis nicht so einfach wie er sich denken lässt. Das ist schließlich immer so. Die alten Muster und vertrauten inneren Aktivitäten haben eine große Sogkraft. Da gilt es, und das weiß ich ja schon lange, zwei Dinge in die Waagschale zu werfen:

  1. Eine große, attraktive Vision, die tief im Herzen verankert und sehr lustvoll ist
  2. Und angemessen kleine Schritte, die einen unauffälligen und unmerklichen Musterwechsel auf den Weg bringen.

„Wohl auf denn Herz, nimm Abschied und gesunde“ höre ich Hesse in mir summen. Abschied vom Wahnsinn wohlgemerkt. Oder freundlicher: Von der Welt schonenden, aber auch Welt bestehlenden Innenflucht. Denn wie habe ich einmal formuliert: „Wer sein menschliches Potential nicht entfaltet (und teilt), der bestiehlt die Welt.“

In diesem Sinne: Glück auf!

Author Lazy Moe

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