Grundlagen

Heilsame Heimsuchungen

Heimsuchung ist ein Wort, das im normalen Sprachgebrauch kaum Verwendung findet – 2/5 sagt uns der allmächtige Duden. Und die ersten Google-Antworten verweisen auf die „Begegnung der mit Jesus und Johannes dem Täufer schwangeren Maria und Elisabeth im Hause Elisabeths.“ (wieder Duden)

Natürlich hätte ich jetzt Lust, ein bisschen in die Tiefe zu gehen und weiter zu forschen, was wohl die Begebenheit war und ob diese zur negativen Konnotation des Begriffs „Heimsuchung“ geführt haben mag, aber ich möchte lieber ein anderes Kapitel der spirituell-poetischen Allgemeinbildung aufschlagen.

In einem meiner liebsten Gedichte schreibt Rilke:

„Ihr vielen unbestürmten Städte
habt ihr euch nie den Feind ersehnt?
O daß er euch belagert hätte
ein langes schwankendes Jahrzehnt.

Bis ihr ihn trostlos und in Trauern,
bis daß ihr hungernd ihn ertrugt;
er liegt wie Landschaft vor den Mauern,
denn also weiß er auszudauern
um jene, die er heimgesucht.

Schaut aus vom Rande eurer Dächer:
da lagert er und wir nicht matt
und wird nicht weniger und schwächer
und schickt nicht Droher und Versprecher
und Überreder in die Stadt.

Er ist der große Mauerbrecher,
der eine stumme Arbeit hat.“

(aus „Das Stunden-Buch“ – insel taschenbuch)

Beunruhigend Spannend

Es ist beunruhigend spannend, wie Rilke die Heimsuchung als einen erwünschten Fluch ausarbeitet. Diese schräge Ambivalenz führt er mit der zweiten Zeile ein: eine Heimsuchung, nach der wir uns insgeheim sehnen. Was bitte soll das denn sein?

Und ein verwirrendes Versprechen fädelt er zwischen die Zeilen: Die unerschütterliche Kompromisslosigkeit, mit der ein irgendwie feindlicher Mauerbrecher sich um unsere Mauern herum niederlässt.

Ich weiß nicht, ob Sie etwas mit diesem Bild des Mauerbrechers anfangen können. Mir fallen viele unliebsame Phänomene ein, die diese Rolle des Mauerbrechers mit einer nervtötenden Konsequenz ausfüllen: Körperliche Symptome, Probleme am Arbeitsplatz, Probleme in der Partnerschaft, andauernde Geldnot, Selbsthass, Einsamkeit, Sucht, Gier, destruktive Beziehungen, psychische Phänomene wie Angst oder Depression, Schwiegermütter und negative Familiendynamiken im allgemeinen, bedrohliche gesellschaftliche Entwicklungen oder einfach unsere ausdauernde Unfähigkeit, uns tief zu entspannen und uns dem Leben anzuvertrauen.

In früheren Beiträgen habe ich ausführlich über meinen großen Mauerbrecher geschrieben – meine generalisierte Angststörung. Was dabei vielleicht noch gar nicht so ganz klar geworden ist: Der Mauerbrecher ist nicht der, für den wir ihn halten. Und die Feindseligkeit gilt nicht uns, sondern unserem Selbst- und Lebensverrat.

Wir glauben, er wartet dort, um uns ins große Verderben zu stürzen. Wir schauen aus vom Rande unserer Dächer und sehen dort draußen doch nur schemenhaft die Trugbilder unserer schlimmsten Untergangsphantasien. Der Feind dort draußen ist nur ein Spiegelbild unserer eigenen Gedanken.

Und auch das mag uns nicht so recht bewusst sein: Der Mauerbrecher arbeitet sich nie an irgendetwas da draußen oder uns selbst ab, sondern immer nur an jenen Mauern, die wir in uns selbst errichtet haben (ohne es recht zu wissen), um uns vor dem vermeintlich Unliebsamen, Wertlosen, Unerträglichen und Schmerzhaften in uns und dem Bedrohlichen zu schützen, das wir außerhalb unserer selbst vermuten.

Und der Mauerbrecher will die Mauern auch nicht einreißen, um herein zu stürmen und uns das Leben zur Hölle zu machen, sondern um uns aus unserer Hölle oder wenigstens um uns aus dem Gefängnis unserer mittelmäßigen Leblosigkeit zu befreien. Ein bisschen unbequemes Chaos und Desorientierung bleibt natürlich nicht aus, wenn wir innerlich beweglicher und durchlässiger werden. Und das ist eigentlich der Hauptgrund, warum wir uns gegen den Mauerbrecher wehren.

Hier gehört jetzt ein Verweis auf einen Artikel hin, der sich mit dem Thema gehirngerechte und Widerstand umschiffende Veränderungs- und Entwicklungsstrategien befasst, aber den Artikel gibt es leider noch nicht. Vielleicht können Sie mich zu gegebener Zeit daran erinnern, dass ich einen solchen verfassen wollte und dass ich den Link, sobald veröffentlicht hier ergänzen muss.

Ich selbst kann nämlich nicht so recht den Überblick über das weit verzweigte Netz an potentiell verknüpften Gedanken und Konzepten behalten. So weit so gut.

Zurück zum Wesentlichen: Mir

Es gibt eine Mauer, die ich vor Jahren errichtet habe. Diese hält mich schon seit langer Zeit in einer gewissen inneren Not. Es ist eine Staumauer, hinter der ich all das gesammelt habe, was ich über die Jahre an Hilfreichem und Heilsamem kennen gelernt habe. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit.

Die Not stammt nicht direkt von der Staumauer und die Aufgabe des Mauerbrechers kann es in diesem Fall auch nicht sein, diese Mauer einzureißen. Die Not stammt von der kleinkarierten, geizigen und ängstlichen Art, mit der ich den Abfluss des Gesammelten in die weite Landschaft seit Jahren verhindere.

Denn eigentlich wäre alles so einfach: Ich müsste doch nur Leitungen verlegen, oder besser nutzen, diesen Blog und meine Facebook-Page gibt es ja bereits, um den Druck auf die Staumauer zu vermindern und den gefühlten Reichtum in die Welt zu leiten.

Die Rolle des knauserigen Schleusenwärters nimmt ein ätzender kleiner Kobold in mir ein – so ein Rumpelstilzchen einsamen Lebensverrats. Ellbogen verschränkt versperrt es den Zugang zu den großen Rädern, mit denen sich der Abfluss kontrollieren lässt: „Vergiss es, du Penner! Wo komnen wir dahin. Von irgendetwas müssen wir auch leben. Die sollen uns ihr Geld geben, wenn wir unseren Reichtum mit ihnen teilen“ höre ich diese unangenehme Krätz-Stimme in mir meckern.

Und während ich geneigt sein könnte, mich über das Geschäftsgebaren manches Lebensmittelkonzerns im Umgang mit dem Grundlebensmittel Wasser zu ereifern, tue ich wohl besser daran, mich mit meinem eigenen inneren Schleusenwärter zu befassen.

Denn das ist uns häufig auch nicht so klar, also ich vergesse es jedenfalls immer mal wieder: Diese unangenehmen inneren Stimmen und komischen Kauze waren auch mal kleine, süße Babies. Anders formuliert: Jede innere Stimme und jedes innere Kabinettsmitglied ist dem Leben und uns treu verbunden.

Doch wie es im Leben geschieht, befindet es sich manchmal am falschen Platz, füllt die falsche Funktion aus und hat im Laufe der Zeit, einen ziemlich fragwürdigen Kommunikationsstil „kultiviert“.

Kompetenzmessie ich bin

Ich habe gehortet. Ich bin eine Methoden-, Wissens- und Kompetenzmessie. Ich habe so viel angestapelt, dass ich kaum noch durch komme. Und ich habe es satt, immer mehr in mein Inneres hinein zu tragen. Schon gar nicht Wissen, das die Grundlage für ausgetüftelte Geschäftsmodelle und Kommunikations-Strategien bilden soll, mit denen ich den in mir weiter wachsenden Überfluss höchst bietend verkaufen kann.

Die Mauer, um die es hier geht, ist eine Mauer aus Angst und Mangeldenke. Alles in mir schreit: „Lass los. Gib das Zeug her. Hab Vertrauen. Es wird sich schon fügen. Es gibt genug anderes, mit dem du Geld verdienen kannst.“ Aber dann ist da diese Stimme des Schleusenwärters, der sich störrisch in den Weg stellt: „Wenn ich euch das ganze Zeug schenke, dann gehe ich leer aus.“

Wohin hat es sich verkrochen, mein Vertrauen ins Leben? Predige ich anderen nicht fleißig: „Folge dem Wesentlichen, auch wenn es dich an einen Abgrund führt. Und lass dich überraschen. Das Leben trägt dich, wenn du dich dem Leben anvertraust und dem Wesentlichen folgst.“

Je lauter ich andere zu „bekehren“ versuche, um so dringender sollte ich nach Innen schauen und meine ach so gescheiten Lektionen selbst beherzigen. Ach, was bin ich demütig und selbstreflektiert. Aber das ist wie gesagt nur ein Teil der Miete. Ich muss mich auch um den inneren Schleusenwärter kümmern, wenn das mit dem behutsamen Öffnen der Schleusen mehr als ein Lippenbekenntnis werden soll.

Ich darf mich überraschen lassen, wohin mich das Klärungsgespräch mit meinem inneren Schleusenwärter führt. Und welche weiteren Umstellungen in meinem inneren Team sich dabei ereignen werden.

Innere Teamentwicklung

Die Arbeit mit dem inneren Team ist ein umfangreiches Thema, das wir hier nur zwischen den Zeilen, also implizit behandelt haben. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie viel ich zu diesem Thema hinter meiner Staumauer gehortet habe. Und wenn ich mich nicht täusche, dann ist es auch eine Methode, die mein lieber Kollege Stephan Peters in seiner therapeutischen Arbeit nutzt. Mal schauen durch welches Rohr es sich in die Welt leiten lässt.

Mein Herz bummert spürbar, wenn ich daran denke, die Schleusen behutsam zu öffnen – irgendwie freudig und irgendwie bang. Aber es gibt keine Alternative, wenn es keine Alternative gibt.

Wenn die Nahrung im Innern der Mauern verbraucht ist und die blöde Heimsuchung immer noch vor den Toren lauert – und das tut sie immer – und wenn die blöde Heimsuchung immer noch an den Steinen rüttelt, dann wird es irgendwann Zeit, ein Lied anzustimmen und die Arbeit von Innen zu unterstützen …

Author Lazy Moe

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