Wie Sie vielleicht hier auf meiner Webseite gelesen haben, habe ich mehrere Ausbildungen im psychosozialen Bereich absolviert. Während des Studiums und danach habe ich mich intensiv mit Einzelberatung und Gruppenarbeit beschäftigt. Darüber hinaus habe ich eine Ausbildung als Coach und eine Hypnotherapie-Weiterbildung.
Man könnte also meinen, dass ich vollkommen von der Wichtigkeit professioneller Gespräche überzeugt sei. Und tatsächlich bin ich das auch. Deshalb biete ich ja auch Coaching und Coaching für Alle an.
Aber wenn Sie mit all Ihren wichtigen Anliegen einen Coach, eine Supervisorin, einen Geistlichen oder eine Therapeutin konsultieren würden, dann würde das auf Dauer ziemlich schwierig werden. Terminfindung und Verfügbarkeit sind eine Sache. Die Kosten, die mit dieser Form von professionellem Hilfsangebot verknüpft sind, sind noch einmal etwas ganz anderes.
Das wäre in etwa so, als würden Sie jeden Morgen und Abend zum Zahnarzt gehen, um sich die Zähne reinigen zu lassen. Oder so, als würden Sie Ihr Auto jedesmal in die Werkstatt geben, wenn der Tank leer ist. Oder so, als … ach, lassen wir das mit den Analogien.
Zu viele Anforderungen
Meiner Erfahrung nach stellt uns das Leben vor zu viele unterschiedliche, anspruchsvolle Anforderungen, als dass wir diese kontinuierlich im professionellen Gespräch klären und lösen könnten. Da könnte es sich lohnen, unsere Fähigkeiten in Sachen Problemlösung, Entscheidungsfindung, Produktivität und Gelassenheit zu schulen. Kurzum: Wir könnten möglicherweise ein Leben führen, das lustiger, leichter und lebenswerter ist, wenn wir unsere entwickeln würden.
Tatsächlich habe ich jahrelang kaum etwas anderes getan, ohne mir dessen bewusst zu sein. Dabei habe ich ein umfangreiches Repertoire an Konzepten, Methoden und Ansätzen kennen gelernt. Ein Repertoire, das geteilt werden möchte. Und wer wäre ich, mich den Wünschen dieses Repertoires zu verweigern?
Was halten Sie davon, wenn wir die ersten Beiträge in dieser Reihe nutzen, um uns behutsam an das Thema „Selbstcoaching“ anzupirschen? Behutsamkeit ist ja außerhalb von Kriegs- und Kampfschauplätzen nützlich und zielführend.
Folgende Beiträge habe ich zur Einführung vorgesehen:
- Selbstcoaching – Was ist das eigentlich?
- Die unterschiedlichen Vorgehensweisen oder Modi im Selbstcoaching
- Methoden und Ansätze im Selbstcoaching
- Gute Gewohnheiten und Rituale im Selbstcoaching
Selbstcoaching – Was ist das eigentlich?
Nüchtern betrachtet umfasst Selbstcoaching vieles von dem, was Sie auch in einem normalen Coaching erwarten würde – mit der Ausnahme, dass Sie sich im Selbstcoaching um alles selbst kümmern dürfen.
Im Selbstcoaching führen Sie Selbstgespräche. Und wenn Ihnen das irgendwie spanisch vorkommt, kann ich Sie beruhigen: Sie führen den ganzen Tag Selbstgespräche. Doch möglicherweise sind Sie so nah dran und gehen so sehr darin auf, dass Sie es gar nicht merken. Bei mir ist das jedenfalls so.
Der Unterschied zu den alltäglichen Selbstgesprächen: Im Selbstcoaching führen Sie Ihre Selbstgespräche bewusster und experimentieren gleichzeitig mit hilfreichen Methoden der Gesprächsführung. Das Interessante an der Sache: Allein die Tatsache, dass Sie zu bestimmten Zeiten bewusster mit sich selbst sprechen, kann schon dazu führen, dass Sie innerlich freier und äußerlich souveräner werden. Nun ja, nach eine gewissen Anlaufzeit.
Denn jedes Bewusstwerden und jede Veränderung führt bekanntlich erst einmal zu einer gewissen Verwirrung und Verunsicherung. Interessanterweise sind es aber gerade diese Verwirrung und Verunsicherung, so sie in einem gesunden Rahmen bleiben [1], die Veränderung und Lernen ermöglichen.
In meiner Welt umfasst Selbstcoaching mindestens drei Aspekte:
- Mich selbst wahrnehmen
- Mich selbst reflektieren
- Mich selbst steuern
Lassen Sie uns für heute einen ersten, kurzen Blick auf diese Aspekte erheischen.
Mich selbst wahrnehmen
Wir nehmen uns selbst über die sechs Sinneskanäle wahr. Eigentlich sind es ja fünf: Fühlen, Riechen, Schmecken, Hören und Sehen. Aber wenn wir unser Denken und unsere Fähigkeit, unser eigenes Denken zu beobachten hinzunehmen, dann sind es sechs.
„Mich selbst wahrnehmen? Ist ja toll. Wäre ich nicht drauf gekommen“ sagen Sie sich? Genau. Das mit der Selbstwahrnehmung klingt erst einmal trivial und selbstverständlich. Wenn wir aber genauer hinschauen, dann scheinen sich viele Menschen bereits mit diesem ersten Aspekt ganz schön schwer zu tun.
Also bei mir war das jedenfalls lange so und es hat sich erst in den letzten Jahren ein bisschen gebessert. Gemessen am Aktivismus, dem Streben nach Ablenkung und Unterhaltung scheint es doch so, als wäre uns die meiste Zeit daran gelegen, möglichst wenig von uns selbst mitzubekommen.
Im Selbstcoaching ändern wir das, indem wir uns behutsam, wohlwollend und wertschätzend mit uns selbst vertraut machen. Immer ein Schrittchen nach dem nächsten. Und sobald es uns gelingt genauer hinzuschauen, können wir damit anfangen, uns selbst auf produktive Weise zu reflektieren.
Mich selbst reflektieren
Auch wenn es im ersten Moment so scheint, als wäre damit die rein gedankliche Reflexion gemeint, so heißt Reflexion im weiteren Sinne ja auch Spiegelung. Es geht also einerseits darum, über uns selbst nachzudenken, zu sinnieren und zu meditieren, und andererseits darum, das, was in uns vor sich geht, nach draußen zu bringen oder sichtbar, begreifbar und damit, Trommelwirbel, formbar zu machen.
Das ist ein bisschen so, wie sich selbst die Haare vor dem Spiegel zu schneiden oder, wie in meinem Fall, sich den Kopf zu rasieren. Der Spiegel macht es möglich, aber es bleibt anfänglich dennoch ziemlich anspruchsvoll. Aber Übung macht auch hier den Meister.
Es gibt ganz unterschiedliche Möglichkeiten, wie wir uns selbst reflektieren und unser Innenleben zur Bearbeitung nach draußen bringen können. Erste Gedanken dazu im Einführungsbeitrag „Die unterschiedlichen Vorgehensweisen oder Modi im Selbstcoaching“, der bald folgen wird.
Mich selbst steuern
Wir mögen uns noch so sehr anstrengen und verausgaben: Es ist kaum möglich, das Geschehen in unserem Leben zu kontrollieren. Und das ist eine blöde Sache. Denn als äußerlich freie und emanzipierte Menschen der westlichen Wohlstandsoasen müssen wir in einem unüberschaubaren Dickicht an Möglichkeiten ständig Entscheidungen treffen und ständig eigenverantwortlich handeln, wo es früher und in anderen Kulturen sehr klare Regeln und beschränkte Optionen gab und gibt.
Und nicht nur das. Wir müssen mit dem umgehen, was wir bei anderen und in der weiteren Umwelt mit unseren Entscheidungen und Handlungen auslösen. Und das ist aufgrund der äußeren Freiheit der anderen und der komplexen Wechselwirkungen der Dinge immer schwieriger hervorzusagen.
Was heißt das konkret? Wir treffen Entscheidungen. Wir handeln. Wir bekommen Rückmeldungen. Wir lernen dazu oder auch nicht. Wir treffen neue Entscheidungen oder die gleichen und so weiter. Und egal was wir uns einreden mögen: Unsere Entscheidungen haben nur manchmal etwas mit dem zu tun, wie wir in der Folge handeln, häufig auch nicht. Und unsere Umwelt reagiert manchmal tatsächlich so, wie wir uns das erhoffen. Meistens aber nicht.
Wie kommen wir in solch einem undurchschaubaren Dickicht zu guten Entscheidungen? Wie können wir so handeln, dass wir dabei möglichst gelassen bleiben, unsere Potentiale entfalten und inspirierende Beziehungen kultivieren?
Das ist eine hoch komplexe und spannende Frage, die eine der wichtigeren Rollen, wenn nicht die Hauptrolle, im Selbstcoaching-Theater spielt.
Der Selbstcoaching-Experte schläft in Ihrem Bett
Das war ein kurzer Überblick über die (vorläufig) großen Überschriften, um die es im Selbstcoaching (nach Wedgwood) geht. Sie können jetzt warten, bis ich in den folgenden Beiträgen als vermeintlicher Experte meine tollen Konzepte und Ansätze vor Ihnen ausbreite. Aber das wäre vertane Zeit.
Denn selbst wenn ich mich mit vielem beschäftigt habe, so kann ich doch niemals Experte für Ihr Selbstcoaching sein. Und selbst wenn es Menschen gibt, die sich als Experten für die zehntausend Methoden und Konzepte feiern, feiern lassen oder beides, so schläft der wahre Experte für Ihr Leben im gleichen Bett wie Sie. Stärker noch: Im gleichen Schlafgewand … so Sie eines tragen …
Deshalb empfehle ich Ihnen eine erste kleine Runde der Selbstreflexion, die Ihren inneren Coach aufwecken mag:
- In welchen Momenten nehmen Sie sich bereits bewusst wahr? Was fällt Ihnen diesbezüglich leicht?
- Welche Methoden, Rituale oder einfach Gewohnheiten der Selbstreflexion nutzen Sie bereits? Welche empfinden Sie als besonders hilfreich?
- Wie steuern Sie sich selbst und Ihr Handeln im Alltag so, dass Sie sich selbst und Ihrer wesentlichen Spur treu bleiben?
- Was ist schon gut in Ihrem Leben?
- Was darf sich durch meine Selbstcoaching-Impulse in Ihrem Leben auf keinen Fall ändern?
- Und wie viele Fragen können Sie wegstecken, bevor Ihnen schwindelig wird?
Lassen Sie es uns in den Kommentaren wissen …
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Fußnote:
[1] Der gesunde Rahmen ist der Mega-Clou an jeder Entwicklungsarbeit und jedem Lernen. Wir kommen an unterschiedlichen Stellen auf diese Thema zurück.Bildquelle: green chameleon | unsplash


