Das ZDF gab letztes Jahr einen Beitrag über die zwielichten Machenschaften der Superreichen, zumal bei Immobilienspekulationen zum Besten. Der Titel: Die Macht der Superreichen – Das Wohlstandskartell/Von Milliardären und Mini-Jobbern
Das schien erst einmal ein interessanter Beitrag zu sein, der mich über meinen früheren Kumpel Tom Hoffmann (Beziehungsstatus jetzt: Es ist kompliziert) auf Facebook erreichte. Ich finde, der Titel müsste eher „Die dumme Macht der Superreichen“ oder wie mein Titel hier „Das dumpfe Glück der Superreichen“ heißen.
Ich habe meinen Beitrag hierzu schon vor einem Jahr geschrieben, aber erst jetzt habe ich Lust, ein bisschen leidenschaftlicher auf die Kacke zu hauen.
Zur Sache also!
Altbewährte Gut- und Böse-Mythen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um eine überschaubare Analyse, die bereits im ersten Drittel den Höhepunkt der Argumentation überschreitet. Leider wenig neue Impulse und entgegen dem, was die Erzählkunst suggeriert, keine für mich umsetzbaren Anregungen, wie die Situation zu ändern sei. Wer glaubt schon an bürgernahe (Steuer)Politik und Wahlversprechen?
Ich finde solch unterhaltsamen und ressentiment-schürenden Journalismus dreist: Die Fronten werden gehärtet und die Kluft auf der menschlichen, und nicht nur materiellen Ebene, wird unüberwindbar. Damit geht die Anschlussfähigkeit und die Möglichkeit zur wechselseitigen Anteilnahme und Begegnung vollends flöten.
Aber das sind noch ziemlich pathetische und idealistische Überlegungen, die ich da anstelle.
Viel bedenklicher stimmt mich, dass wir uns mit altbewährten Mythen über gut und böse einlullen lassen. Am Ende sind wir zwar die Guten und die Superreichen sind die Bösen, aber wie bei jeder Form plakativer Schwarzweißmalerei haben wir nur eingebildet und oberflächlich emotional etwas davon. Wir fühlen uns für einen kurzen Moment gut und etwas getröstet, aber das war es dann auch schon.
Ein Verschwörungstheoretiker würde behaupten, das sei beabsichtigt. Ich formuliere moderater: Das ist erwünscht oder wird in Kauf genommen. In guter alter Brot-und-Spiele-Manier
- lassen wir uns (journalistisch) bespaßen,
- verlassen die Zuschauertribünen der Arena mit einem kleinen heroischen Gefühl moralischer Überlegenheit und
- geben uns damit schon zufrieden.
Yippieh? Verloren!
Wie absurd ist das denn?
Die zum Himmel schreiende Absurdität des ganzen Spektakels findet wie so oft mit keinem Wort Erwähnung.
Die Superreichen erlangen keinen klitzekleinen Scheiß von irgendetwas Wesentlichem mit ihrem beschissenen Reichtum und ihrer dummdoofen, anderen Superreichen das Wasser-reichen-wollenden Lebensweise. Es ist ein Nullsummenspiel. Das Ergebnis ist immer Null. Das ist ein göttliches Prinzip. Das Glück ist schon hier und jetzt und alles andere ist, ähm, kultivierte Selbstverarschung.
Absurder noch: Studien belegen, dass es einen entgegengesetzten Zusammenhang zwischen Reichtum und Glück gibt (schnüffz). Sobald der Reichtum ein „gesundes“ Maß überschreitet kippt die Situation:
- Der Reiche oder Superreiche entwickelt massive, paranoide Ängste, er könnte sein Geld und seinen Reichtum verlieren.
- Er vereinsamt in seiner abgesicherten Burg oder zwischen all den oberflächlichen, abgeschmackt chirurgisch überarbeiteten Lebensflüchtigen.
- Oder er kann einfach nichts mehr tun, ohne das irgendjemand zuschaut. Und das ist nur für Exhibitionisten lustig und auch nur dann, wenn diese die Situation kontrollieren.
Und all das ist vollkommen verständlich. Hatte ich es erwähnt: Der Reiche gewinnt nichts durch seinen Reichtum. Nein, er verbaut sich den Zugang zum Leben mit großer Wahrscheinlichkeit noch nachhaltiger, als wir es tun. Darum ja auch die Dynamik einer alles verschlingenden Gier. Er hält sich beeindruckend oberflächlich beschäftigt so wie wir anderen, nur, ähm, auf einem viel perverseren und lebensferneren Niveau.
Wenn wir die Absurdität der Situation also in ihrer Totalität ausleuchten, dann sorgen die Superreichen für eine Verarmung der Gesamtgesellschaft zum Preis ihres eigenen Glücks. Das sind keine glücklichen und leidenschaftlichen Blutsauger, denn letztere leben ja in den spooky Stories tatsächlich von frischem Blut. Nein, es sind existenzielle Dummköpfe, die sich selbst verarschen, ähm, so wie wir selbst.
Auch wir leben im Schatten unserer Selbst
Dass diese Absurdität im Fernsehbeitrag keine Erwähnung findet, erklärt sich durch das völlig schräge, aber leider doch sehr haltbare Glücksmodell, mit dem wir uns selbst in einer kontinuierlichen Selbstvergewaltigungstrance halten.
Wenn ich verschwörerisch eine Absicht unterstellen wollte, was ich nicht tue, dann sollen wir trotz kritischer Beleuchtung der sozialen Ungerechtigkeit, weiter an die erlösende und glücksbringende Kraft von Wohlstand und Konsum glauben. Die beide durchaus nett sind, von ihrer Glücks- und Erfüllungsrelevanz aber kolossal überschätzt werden.
Irgendwie muss der Moloch, mit dem wir uns alle gegenseitig ermuntern, unauffällig, egozentrisch und ängstlich vor uns hin zu dümpeln, am Leben gehalten werden.
Hau das Glücksmodell in die Tonne, statt Flüchtlinge in die Pfanne
Dabei handelt es sich gerade bei unserem Glücksmodell um einen blinden Fleck, der sehr vieles überschattet. Und dazu gehört eben auch unsere ganze kollektive und zuweilen intellektuelle Auseinandersetzung mit dem Thema der sozialen und globalen Ungerechtigkeit an sich.
Die oberflächliche Idee, Glück und Erfüllung seien mit materiellem Wohlstand und äußerer Sicherheit zu erlangen, sobald wir ein Grundmaß an existenzieller Sicherung erschlossen haben, ist ein monumentaler und vollkommen idiotischer Witz.
Den haben möglicherweise gewitzte Unternehmer in Umlauf gebracht, ähnlich wie Floristen den Valentinstag. Kapierst du nicht? Du bist glücklich. Hör einfach auf, vor dir selbst davon zulaufen und das war’s dann auch schon.
Unser Glücksverständnis und -streben sowie das nahezu aller Bewohner dieser Erde basiert immer noch auf der Orientierung am Haben und Konsumieren, die Erich Fromm bereits vor vierzig Jahren als illusionär entlarvt hat.
Schärfer formuliert: Die Exportware „Glücksmodell durch Konsum und Teilhabe am Konsum“ ist die Wurzel des ganzen Flüchtlingsdebakels, an dem sich so viele dieser Tage eloquent oder flachpfeifenmäßig abarbeiten.
Isch hab Hebeltrick
Wir können uns immer weiter über die Umstände ereifern und mittelmäßig gebildet komplexe Zusammenhänge auf den Boden des uns mental Möglichen hinunter prügeln.
Aber genauso gut können wir vor dem Computer sitzen bleiben und Pornos oder Walking Dead und Breaking Bad gucken. Einfach nur unterschiedliche Formen, unsere Lebenskraft impotent zu versorgen.
Aus meiner Sicht gibt es nur einen lustigen und tatsächlich potenten Hebel, um etwas Grundlegendes zu verändern:
Das oberflächliche, erkaufte, aber immer ganz leicht zu erschütternde Glück in den tiefen Schatten echter Lebendigkeit und übersprudelnder schöpferischer Kraft zu stellen. Was auch immer die Ausgangsbedingungen sein mögen.
- Ich muss zugeben, dass ich mich selbst nicht so leicht damit tue.
- Ich muss zugeben, dass es mich selbst Überwindung kostet.
Aber geschissen drauf: Die Alternativen sind sowas von impotent!
AND: FUNK IS NOT DEAD!
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