Der folgende Text ist in einem Dialog auf Facebook mit Joachim, einem zugewandten Freund aus Studienzeiten, entstanden.
Es handelt sich dabei zugegebenermaßen um einen umfangreichen, tiefschürfenden, sehr persönlichen und anspruchsvollen Beitrag. Dieser lässt sich schwerlich nebenbei überfliegen. Du musst vielmehr Zeit investieren, um dich damit auseinanderzusetzen, wenn du wirklich erschließen willst, was er in persönliche Anekdoten und Selbsteflexion gekleidet anzubieten hat.
In meiner Welt hat dieser Artikel eine wesentliche Bewandtnis und Bedeutung. Es ist aber überhaupt nicht sicher, ob das, was ich darin an meiner Person und Geschichte thematisiere, auch in deinem Leben irgendeine Bedeutung und Bewandtnis hat. Ich bin mir sicher, dass es für manche Menschen so ist, sonst gäbe es keinen Grund, diesen Text hier zu teilen … oder, ähm, … wenn ich es recht bedenke, kommen Text und ich vollkommen ohne Existenzberechtigung aus.
Wir wollten und sind jetzt in der Welt und genügen uns selbst. Warum ich das so deutlich zum Ausdruck bringen muss, kannst du dir wahrscheinlich beim Lesen erschließen. Soviel sei zur Einstimmung gesagt.
Heilsame Ahnungslosigkeit
Ehrlich: Ich weiß selbst nicht mehr so genau, was ich mit dem Produktiv wollte. Wie gesagt: All die Themen sind hilfreich und wichtig und ich werde an diesen dran bleiben.
Aber man kann sich unendlich an den lebenspraktischen Fragen des Alltags abarbeiten, ohne echte Dynamik und Lebendigkeit zu entfalten. Ich bin dafür, an die Wurzel zu gehen, und den direktesten Weg zu Glück, Gelassenheit und Lebendigkeit zu nehmen. All die anderen Themen, die bekommen wir dann recht entspannt gewuppt!
Wenn ich also ganz böse und frotzelig mit mir selbst bin, dann war das PRODUKTIV eine phantastische Beschäftigungstherapie und ein toller Ort, meine Energie kreativ zu verwerten. Wenn ich sachlicher und wertschätzender da ran gehe, dann wollte ich Menschen tatsächlich Wesentliches näher bringen und dabei Geld verdienen.
Immer weiter zum Wesentlichen vordringen
Aber, und das ist der springende Punkt, es traf nicht den Kern jenes Anliegens, für das ich seit Jahren bereit bin, sehr unkonventionell und, was meine materielle Sicherheit und meine soziale Zugehörigkeit angeht, ausgesprochen risikoreich zu leben.
Wenn ich aber bereit bin, in materieller und sozialer Hinsicht bis zum Äußersten zu gehen, und diese Gratwanderung jenen Menschen zumute, die meinem Herzen am nächsten leben, dann sollte ich schon sicher stellen, dass es sich dabei tatsächlich um das wesentliche Anliegen handelt.
Ich bin bemüht, beides, wesentliche Orientierung und berufliches Handeln, miteinander zu verschmelzen.
Hei jo shin ko re do – „Alltag und die Praxis des Weges (oder spirituelle Praxis) sind ein und dieselbe Sache“. Das ist eine Zen-Weisheit, die ich im Kloster geschrieben, aber auch etwas einseitig interpretiert fand.
Wesentliche Orientierung und berufliches Handeln außerhalb von religiösen oder spirituellen Institutionen in eins zu integrieren – dieser Anspruch ist zugegebenermaßen idealistisch. Ich habe regelmäßig das Gefühl, oder einfacher gesagt Angst, daran zu scheitern. Deshalb mag das, was ich da tue, wie der Lebensentwurf eines realitätsfernen Träumers oder Spinners scheinen.
Ich aber begreife diesen Lebensstil als eine existenzielle Konsequenz, mit der ich auf einer tiefen, das heißt wenig offensichtlichen Ebene meiner Verpflichtung zu Menschlichkeit, Nächstenliebe und Dankbarkeit nachkomme. Lieber bleibe ich mir selbst und dem Leben treu, als faule Kompromisse zu machen und mich selbst zu verraten.
Verwirrung und Verständnislosigkeit
Ich kann nur schwerlich begreifen, weshalb wir eine andere Art zu leben wählen sollten. Ist uns denn nicht klar, dass der größte Teil des Leidens und der Unmenschlichkeit in der Welt mit der Art zu tun hat, wie wir uns durchs Leben bewegen?
Es sind Selbstverrat, unterdrückte Lebendigkeit und Orientierung am Mangel, die zu einer Verfassung führen, die nach Entschädigung und Ersatz verlangen. Aber: Diese Entschädigungen und Ersatzleistungen gehen immer auf Kosten der natürlichen Ordnung der Dinge und meist auf Kosten anderer fühlender Wesen.
Darüber hinaus machen diese Kompensationen nicht satt, sondern immer hungriger. Wieso? Weil sie niemals das zutiefst in uns verankerte Bedürfnis nach inniger Verbindung mit dem Leben, nach schöpferischem Ausdruck und wahrhaftigem Austausch ersetzen, geschweige denn befriedigen können.
Aber abgesehen von diesen tiefen Beweggründen gibt es eine ganz praktische Dimension für meine fortgesetzt radikale Bewegung hin zum Wesentlichen. Beim Produktiv und vielen meiner anderen Projekte reichte meine Kraft und Inspiration immer nur bis zu jenem Punkt, an dem ich alles schön befüllt und verpackt hatte. Dann versagte und versiegte jeder Antrieb, das Paket auch auszuliefern.
Endlich zu mir und meiner Herzensangelegenheit stehen
Jetzt beginne ich zaghaft und auf wackeligen Beinen, mich mit meinem wesentlichen Anliegen in die Landschaft zu stellen. Mehr noch, ich beginne vorsichtig mit dem großen Zeh zu wackeln. Hier und dort wage ich, so wie hier und jetzt, sogar schon das erste öffentliche Tänzchen.
Aber all das kostet mich vielmehr Mut, als den vertrauten, routinierten und exzentrischen Kasper zu geben:
- Es kostet mich Mut, weil ich mich sehr verunsichert, verletzlich und ängstlich dabei fühle, meine Herzensangelegenheit so nackt und angreifbar offenzulegen.
- Es kostet mich viel Mut und Vertrauen, mich dabei meiner Angst vor Zurückweisung und Ablehnung zu stellen. Eine Angst, die jenen heftigen Erfahrungen des Nichtwillkommenseins entspringt, die mich und mein Leben sehr früh sehr nachhaltig negativ geprägt haben.
- Und es kostet mich viel Konzentration und Sorgfalt, dabei mein Handeln auf Selbstsabotagestrategien hin zu prüfen. Das waren unbewusste Techniken, die mir in der Vergangenheit immer wieder erlaubten, die alten Gefühle und Ängste als berechtigt und meine Umwelt als immer noch feindlich einzuschätzen. In der Folge war es nur recht und billig, in vertrauter Manie(r) meine Runden im weltabgewandten, mentalen Elfenbeinturm zu drehen.
Ambivalente Befreiungsspur
Es ist also ein ambivalentes Geschäft. Einerseits fühle ich mich verunsichert und andererseits sagt das Leben, das dies das aktuell wesentliche Tänzchen ist. Aber das ist eine gute und verlässliche Ambivalenz, bei der ich mir sicher sein kann, dass ich mich in der Spur von Heilung und Selbstbefreiung bewege.
Wenn ich mich so um mein wesentliches Anliegen kümmere, dann bin ich in einer Kraft, die mir erlaubt, mich selbst, die alten Wunden und meinen bisherigen Selbstverrat anzunehmen. Und ich bin in der Lage, Hindernisse und Widerstände für meine Sache zu nutzen.
So kann ich meine Kraft, aber auch zugewandte Mitmenschen aus der Achterbahnfahrt durch komplexe Hirngespinste entlassen. Ganz ohne mein Zutun konzentriert sich die freiwerdende Kraft auf drei Bereiche:
- Kommunikation
- Kreatives Schaffen und
- (Selbst)Ironische, aber wohlwollende Provokation
Am leichtesten fließt die Kraft, wenn alle drei zusammen kommen.
Manchmal wird es besser, wenn es anders wird
Ob sich meine finanzielle und materielle Situation jetzt endlich mal zum Positiven wendet, und meine Lieben auf dieser Ebene Entlastung erfahren, das hoffe ich, aber ich weiß es nicht. Jedenfalls habe ich die Lust an planender Spekulation und gebildetem Orakeln verloren.
Was ich sagen kann: Der letzte Newsletter (Notizen heißen die ja jetzt etwas weniger prätentiös) mit einigen neuen Beiträgen ging letzte Woche raus. Und ich bin zuversichtlich, dass diese Woche der nächste folgen wird (zumal es hiermit schon wieder drei neue Beiträge gibt).
Das ist schon eine beachtliche Steigerung, verglichen mit meinem Getrödel, Getändel und Gehirne beim Produktiv.
Um deine Frage auf das Anliegen zu übertragen, das ich als mein Kernanliegen begreife und um das ich mich jetzt kümmere: Ich tue, was ich als zutiefst sinn- und lustvoll empfinde und möchte damit meinen Lebensunterhalt verdienen. Ganz zufällig hat das bei mir damit zu tun, Gedanken, vielleicht aber noch mehr, einen Lebensstil oder, wie das mein Freund Gregor formuliert, eine Lebenskunst zu teilen.
Vom Schreiben zum bunten Treiben
Es geht mir viel weniger darum, Menschen zu belehren und zu bekehren als es auf den ersten Blick scheinen mag. Mit meinen halbgaren Produktiv-Aktivitäten ist es mir wohl nicht so recht gelungen, klar zu machen, was ich anzubieten habe. Tatsächlich habe ich mich ja noch hinter anderen Themen versteckt. Aber gerade jetzt, wo es um das existenzielle Thema schlechthin geht, ist da wenig Raum für kluge Belehrung, spirituelle Vermittlung und priesterliches Getue.
Viele, die im Alltag tatsächlich mit mir zu tun haben, werden bestätigen, dass es einen auffälligen Bruch zwischen meiner Alltagskommunikation und meinem virtuellen, schriftlichen Kommunikationsstil gibt. Das Schriftliche näher ans Alltägliche zu bringen bleibt eine spannende Aufgabe. Aber vielleicht ist es noch wichtiger, mich häufiger, direkter und nahbarer in den Alltag zu werfen.
Denn es geht mir ja darum, mit anderen in einen Austausch über das zu kommen, was ich selbst als befreiend, lebenswert und zutiefst menschlich empfinde. Aber dieser Austausch findet auf vielfältigen Ebenen statt, von denen die digitale oder sprachliche eine recht unbeholfene und leicht misszuverstehende ist. Deshalb mein Bemühen um Kontexte für echte und direkte Begegnung, in denen Menschen zu sich, in ihre Kraft und in einen inspirierenden Austausch auf Augenhöhe miteinander kommen.
Um eine Analogie zu bemühen: Es ist toll zur göttlichen Musik zu tanzen. Ich war zu allen Zeiten oft einer der ersten auf der Tanzfläche. Aber die Tanzfläche ist keine Bühne, sondern ein Ort geteilter Freude und Lebenslust.
In meinen Augen mache ich also nicht vielmehr, als zur göttlichen Musik zu tanzen. Aber eine Party macht erst so richtig Spaß, wenn viele Menschen dazu kommen. Deshalb bin ich darum bemüht, ein paar willige, aber noch zögerliche Tänzer, die sich dem Beat kaum noch entziehen können, auf die Tanzfläche zu locken.
Die bodenlose Tanzfläche der Gegenwart
Ob das finanziell und materiell Sinn machen wird, das habe ich leider nur bedingt in der Hand. Aber darum geht es ja in allem, was ich schreibe, teile und tue:
- Mir selbst treu bleiben.
- Mich dem Leben anvertrauen.
- Einen achtsamen und lustvollen Dialog mit Menschen und Dingen kultivieren.
Und immer wieder auf ganz überraschende und berührende Art die Erfahrung machen, das mich die bodenlose Tanzfläche der Gegenwart trägt – gerade wenn ich bei mir und dem Leben treu bleibe.
Darüber hinaus: Wenn ich mich selbst nicht traue, frei zur Musik zu tanzen, wie könnte ich mir dann anmaßen, andere auf die Tanzfläche zu locken?
Die Musik führt verlässlich
Das Leben führt mich von innen mit einer alles durchdringenden Melodie. Und es trägt mich durch die große Kraft, Ausdauer und Entschlossenheit, zu der mich diese Musik beflügelt.
Aber es trägt mich auch und vor allem durch die lieben, zugewandten und interessierten Mittänzer,
- die sich für mich und für das, was ich zu teilen habe interessieren
- die als Tanzpartner da sind und Lust haben, sich mit dem ins Spiel zu bringen, was sie selbst anzubieten haben
- die bereit sind, sich einen Ruck zu geben und einen Teil der Bewegungskonventionen abzustreifen, um liebevoll, humorvoll und mit einer fundamentalen Großzügigkeit über die Stränge zu schlagen
Thanks for the support, man, and keep on dancing!
Bild: Jazz Funeral New Orleans | Lars Plougmann | Flickr | CC-BY-SA


