Grundlagen

Lügengeschichten

Sobald es gesagt ist, wird es zur Lüge. Ich weiß, bei anderen Menschen ist das anders. Bei Ihnen zum Beispiel. Ganz bestimmt. Sie sagen etwas und es gilt morgen, übermorgen und vielleicht in einem Jahr noch. Und vielleicht fühlen Sie sich überlegen im Vergleich mit mir, einem Menschen, dem alle Wahrheiten zwischen den Fingern durchrinnen, kaum dass diese sein Bewusstsein und schlimmer, die „Öffentlichkeit“ erreicht haben.

Es ist immer ganz süß und schnuckelig, wenn große Kreativität von Nicht-Betroffenen wie ein Segen und ein ausgesprochenes Glück gefeiert wird. Was dabei gerne übersehen wird ist das Leiden am intensiven inneren Prozess des Kreativen selbst. Der gewöhnliche Geist lebt nach der Formel Problem gelöst, zwei neue. Der kreative Geist nach der Formel, eine Problem gelöst zwanzig neue.

Nicht nur das, die Frequenz scheint auch eine andere zu sein. Der Kreative löst das Problem in kurzer Zeit und wird sofort mit einer Vielzahl neuer Probleme „versorgt“, während der weniger Kreative entweder weniger schnell knobelt und löst, oder aber weniger schnell mit neuen Problemen versorgt wird.

Und selbst wenn dies interessante Überlegungen sind, denen ich äußerst gerne folgen würde, möchte ich mich hier auf ein anderes Anliegen konzentrieren.

Es geht, wie immer, um mich

Wieso eigentlich dieser Einstieg über die kurzen Halbwertszeiten oder anders formuliert, die hohe Instabilität meiner Gedankenkonstrukte, manchmal als wahr empfunden und dann schnell wieder verworfen? Nun, ich hatte im letzten Beitrag von meinem inneren Schleusenwärter berichtet und meiner mentalen Messieverfassung und war zu dem Schluss gekommen, dass ich die gesammelten, von mir als hilfreich empfundenen Konzepte und Methoden direkt mit der Welt teilen sollte.

Und hey, an dem Gedanken ist noch alles gut und schön. Teilen ist gut. Teilen ist echt. Teilen ist dran. Aber ich hatte mich, das war ja klar, sowohl in der Rolle als auch im Ansinnen des Schleusenwärters getäuscht. Die Sache mit dem Geld war nur eine vorgeschobene Begründung für seine Verweigerung – und unter uns – das beruhigt mich ziemlich.

Es mochte mir so scheinen, als sei der Schleusenwärter ein kleiner geiziger Zwerg, dabei ist er ein innerer Wächter, der mich vor erneuten schlimmen Erfahrungen im Kontakt mit der Welt da draußen, ja mit Ihnen, bewahren wollte. Meine verinnerlichte Großmutter, meine verinnerlichte große Schwester, mein großer Bruder und die verinnerlichten hässlichen, kalten und kinderverachtenden katholischen Schwestern aus dem Kindergarten des vierjährigen Martin. Schnüffz, Taschentuch bitte.

Irgendwie möchte ich diesen ganzen Kindheitsakteuren echte und ehrlich hilfreiche Motive unterstellen. Gut ein bisschen Selbstschutz gegenüber dem wilden, schnellen und geistig überregen jungen Menschen mochte auch im Spiel gewesen sein. In ihrer hilflosen und überforderten Verfassung – einmal mit mir und dann noch mit den ganzen kleinen Teufeln, die in ihnen selbst düstere Feste feierten – hatten sie nur versucht, mir hilfreiche Impulse zu geben und angemessen Grenzen zu setzen. Etwas unbeholfen, zugegeben, den Mitkindern sei das verziehen, und den anderen Gestalten vergeben.

Und irgendwie mussten sie doch recht gehabt haben. Hätten sie sich sonst so ins Zeug gelegt? Bei großem emotionalem Impetus bleibt es nicht aus, dass man die eine oder andere Fremdeinschätzung verinnerlicht. Et voilà da sind sie: Angsteinflößende, hässliche und bedrohliche innere Gestalten, die mich vor neuen blöden Erfahrungen und Niedergang bewahren wollen. Zum Beispiel unser Mista Schleusenwärter.

Äh, warte mal, sind diese inneren Gestalten nicht die Abbilder jener Figuren, die mir ursprünglich die schlimmsten und ausdauerndsten Erfahrungen der Entwertung beschert hatten? Und warte mal, habe ich mit der Verinnerlichung dieser Figuren die schlimmen Erfahrungen nicht für immer in mir verewigt? Äh, Mist, genau. Irgendetwas läuft hier falsch.

Blöder Schleusenarsch

Jetzt wäre der Moment gekommen, wo die Ressourcenorientierung in sich zusammen bricht. Nichts Hilfreiches war oder ist da. Die blöden, destruktiven Figuren der Kindheit waren einfach nur destruktiv und der blöde Schleusenwärter ist ein blöder Schleuserarsch. Aus die Maus. Gezeigt, wo der Hammer hängt. Fickt euch alle. Ich verpiss mich jetzt.

„Äh, wohin? Das innere Gesocks ist doch immer dabei,“ weiß ein kleinlautes Stimmchen zu berichten.

Vielleicht ist das das Schwierigste an der inneren Arbeit, an der Individuation und Selbstbefreiung: Differenzierung. Es ist einfach, Kinder mit dem Bade auszuschütten. Es ist einfach, mich für eine Seite zu entscheiden. Es ist einfach, in guter, alter Westernmanier, eine harte Linie zwischen den Guten und den Bösen zu ziehen. Kurzfristig. Aber langfristig lässt sich keine dieser Positionen halten.

Es ist schwierig, anzuerkennen, dass diese Linie mitten durch mich selbst hindurch verläuft. Hatte ich die Mauer schon erwähnt? Genau. Noch schwieriger ist es, die innere Mauer zwischen gut und böse sowie richtig und falsch in mir selbst abzutragen. Aber das liegt weder an der Mauer, noch an gut und böse. Mein kleines, ängstliches Ego-Konstrukt fühlt sich durch alle Initiativen massiv bedroht, die irgendetwas damit zu tun haben, innerlich Raum zu machen und mich einer alles umfassenden inneren Weite zu öffnen, in der jene ursprüngliche Lebendigkeit und Kraft wirkt, die sich nicht in meine Kategorien, Worte und Bewertungen zwängen lässt.

Und das ist möglicherweise der wichtigere Grund, warum ich die bösen und entwertenden Figuren meiner Kindheit nach innen verlegt habe. Und warum ich mich jahrelang therapeutisch, kreativ und selbstreflektierend an diesem illustren inneren Kreis abgearbeitet habe. Ich wollte mich selbst vor dieser großen, lebendigen Kraft in mir verschanzen. Ich wollte Sie vor der großen, ungestümen Kraft schützen, die durch mich hindurch in die Welt brechen will. Und ich wollte mich vor allem vor dem schützen, wie die Welt auf meine ungestüme und naturgewaltige Lebendigkeit reagieren könnte.

Den Dreck in die Welt rotzen

So betrachtet habe ich mich und die Welt bisher doch nur vor dem geschützt, was ich hier und jetzt tue. Es zum Ausdruck bringen. Die Kraft durch lassen. Mich überraschen lassen von den Wirkungen und wahrscheinlichen Nicht-Wirkungen, welche dieses Freilegen erzeugt.

Wir verstehen hoffentlich beide „meinen inneren Dreck in die Welt rotzen“, wenn ich von Freilegen schreibe. Und wir wissen hoffentlich beide, dass es keinen Grund für dieses Hinrotzen gibt, als den einen kleinen: Der Dreck will auf diese Art in die Welt gerotzt werden und er kümmert sich nicht die Bohne um Absichten, Wirkungen, soziale Zugehörigkeit, Bedeutung, Ihre und meine Vorlieben.

Wenn es keine echten Alternativen mehr gibt, dann gibt es keine Alternativen mehr. Die Hoffnung es gäbe einen Weg, den Rodeo-Ritt zu vermeiden, ist wahrscheinlich der einzige Grund, warum ich mein eigenes Leben bisher abgeschrieben und mich jenseits des Jägerzauns als überlegener und der Wirklichkeit entrückter Zuschauer positioniert habe.

Als Kind habe ich mächtig auf die Fresse bekommen – mal subtil, mal „bodenständig“. Das soll nicht noch einmal passieren. Besser mich im Innern in komplex verschachtelten neurotischen Mustern verschanzen und nichts Echtes nach draußen lassen – allenfalls ehrgeiziges Gezappel, neunmalkluge Aufgüsse des hundertmal Dagewesenen und windige Windmühlen-Attacken.

Ich spreng die Scheiße einfach in die Luft

Ich fürchte, es gibt doch keinen anderen Weg in die Welt und ins Leben, als mit meiner ganzen eigenen Kraft und Wahrhaftigkeit nach draußen zu gehen und weiter auf die Fresse zu kriegen. Ich kann das noch weitere Jahrzehnte vor mir her schieben, aber nur mit dem entschlossenen Handeln und Experimentieren mit meiner Kraft und der Welt kann ich nach und nach jene Spur finden, auf der weniger Fäuste fliegen.

Nur so kann ich nach und nach lernen, meine eigene Kraft und Wahrhaftigkeit auf eine Art zu teilen, die für andere annehmbar ist. Nur so kann ich eine äußere Souveränität verkörpern, die innerer Weite und Freiheit entspringt und welche die ängstlichen, kleinkarierten und aggressiv geladenen Flachpfeifen heilsam auf sich selbst, ihre eigene Jämmerlichkeit und jenen Ausweg verweist, der in ihnen selbst liegt.

Staumauer? Schleusenwärter? Innerer Reichtum? Genug mit dem Metapherngewichse. Mit diesem Beitrag sprenge ich die ganze Scheiße in die Luft. Und dann schaue ich einfach mal, was als nächstes passiert. Glück auf!

Author Lazy Moe

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