Grundlagen

Begabung – Was ist das eigentlich?

In dieser Artikelserie geht es um die Frage, wie wir unsere Begabungen produktiv nutzen können. Auf folgende Themen gehe ich in den folgenden fünf Artikeln ein:

  1. Begabung – Was ist das eigentlich?
  2. Sich von den eigenen Begabungen in die Pflicht nehmen lassen
  3. Produktive Kontexte für die Entfaltung unserer Begabungen schaffen, finden und/oder aufsuchen
  4. Komplementäre Fähigkeiten erschließen – durch eigene Anstrengung oder Menschen mit ergänzenden/komplementären Begabungen
  5. Die Schnittstelle ernst nehmen – Unsere Potentialentfaltung als bereichernder und inspirierender Beitrag zum menschlichen Miteinander

Heute möchte ich einige unterschiedliche Begabungsdefinitionen unter die Lupe nehmen und für eine ganz einfache Definition werben.

Dann möchte ich der Frage nachgehen, welcher Zusammenhang zwischen dem Entfalten unserer Potentiale einerseits und dem Glück sowie der Gelassenheit andererseits besteht. Hier bereite ich die weitere Beiträge vor, indem ich kurz auf jene Aufgaben eingehe, die wir erledigen müssen, wenn wir unsere Gaben auf produktive Art entfalten wollen.

Schließlich bringe ich das Thema Wahlfreiheit ins Spiel, zeige auf, welche Konsequenzen es meines Erachtens hat, wenn wir von unserer theoretischen Freiheit Gebrauch machen und unsere Begabungen ignorieren.

Begabung – Was ist das eigentlich?

Hochbegabung wie sie zum Teil verstanden wird: Sprache, Logik, Mathematik, Räumliches Vorstellungsvermögen. Diese Definition von Intelligenz und Begabung ist Anfang des 20 Jahrhunderts entstanden. Das Ziel: Jene Menschen aus dem „Human Ressourcen Pool“ herausfiltern, die ein großes Potential als zukünftige Leistungsträger haben. Kritik: 1. Beschränkt auf Anforderungen, die in bestimmten Berufen besonders benötigt werden – Ingenieurswissenschaften und Wissenschaften allgemein. Einen Bezug zu den Interessen der Rüstungsindustrie mag ich hier wirklich nicht herstellen … 2. Es gibt keinen eindeutigen Zusammenhang zwischen Begabung und Leistung. Begabung ist ein Potential, das sich entfaltet, wenn weitere Faktoren dazu kommen. (siehe hierzu auch das Buch „Mythos Begabung“ von DaDaDa)

Die Theorie der multiplen Begabungen. Breiter und dennoch nicht erschöpfend. Grundsätzlich werden auch hier jene Fähigkeiten untersucht, die eine gewisse Attraktivität besitzen – also innerhalb einer/unserer Gesellschaft als wertvoll betrachtet werden. (siehe hierzu auch das Buch von DaDaDa „DaDaDa“)

Unterschätzte und minder bewertete Begabungen oder der radikal ressourcenorientierte Ansatz: mit multiplen Problemen umgehen (Junkies, Wohnungslose, Problemfamilien), einfache Routine-Tätigkeiten ausüben ohne sich zu langweilen, sich von einer schmerzhaften und selbstzerstörerischen Spur halten, am Abgrund leben, die Realität vollkommen ausblenden.

Eine primitive Definition von Begabung: Wir sind in jenen Bereichen begabt, die uns leicht fallen, auch wenn uns das, mit dem wir da zu tun haben oder das, was wir da tun, nicht unbedingt Spaß macht.

Eine paradoxe Form: Wenn es leicht fällt, mit schwierigen und/oder komplexen Sachverhalten umzugehen.

Begabung hängt also gar nicht von der Bewertung durch Dritte ab. Der Wohnungslose ist begabt, unter sehr schwierigen Bedingungen seinen Alltag zu bestreiten – ganz unabhängig davon, ob irgendjemand diese Fähigkeit für besonders erstrebenswert hält. Dem Phobiker fällt es leicht, aus Mücken bedrohliche Elefanten zu machen – ganz unabhängig davon, ob das zu einem glücklichen und gelassenen Leben beiträgt oder nicht. Und dem Softwareentwickler fällt es leicht, logische Probleme und deren Lösung in komplexen Algorithmen unterschiedlicher Programmiersprachen abzubilden.

Begabungen als Diener eines glücklichen Lebens

Wenn wir aber das Terrain der nüchtern-analytischen Bewertung verlassen, um uns auf das Terrain der gelassenen Potentialentfaltung zu begeben, dann stellt sich die Frage, wie unsere Begabungen – auch die schrägsten, die wir auf uns vereinigen – einen Beitrag dazu leisten können, dass wir unsere wesentlichen Ziele gelassen erreichen.

Und sobald diese Frage ins Spiel kommt tun sich drei wichtige Baustellen auf:

  1. Proaktiv ausgedrückt: Die Dimension der übergeordneten Ziele, unserer Vision und tiefen Ambition – sei diese beruflicher, unternehmerischer, künstlerischer oder einfach zwischenmenschlicher Natur. Passiver und etwas pathetischer ausgedrückt: Der Ruf, welcher auch durch unsere Begabungen an uns ergeht. Die Pflicht in welche uns unsere Begabungen, aber auch das Leben mit unterschiedlichen anderen Hinweisen ruft. Wenn wir unsere Begabungen auf sinnvollen und produktive Weise einsetzen und entfalten wollen, dann ist es häufig nötig, einen inneren Bezugsrahmen zu entwickeln, in welchem das, was uns leicht fällt, große schöpferische Kraft entfalten kann. In der Folge entstehen und schaffen wir auf der Spur unserer tiefen Ambition oder übergeordneten Vision Kontexte, in denen wir handeln.
  2. Die Kontexte, in welchen unsere Begabungen produktiv wirksam werden, auch wenn sie zuvor in anderen Kontexten möglicherweise destruktiv wirkten. Anders formuliert: Wir sind eingeladen, unseren Begabungen ein Terrain zu schaffen und abzustecken, auf dem wir diese produktiv nutzen und entfalten können. Eine Ergänzung: Begabungen, denen wir kein Terrain schaffen, haben die Tendenz in unserem Leben zu mäandern und in Bereiche einzudringen, in denen sie einerseits nicht benötigt werden, andererseits absurde Qualitäten und in der Folge manchmal eben destruktive Wirkungen entfalten.
  3. Zuletzt die Nicht-Begabungen also nach meiner Definition jene Dinge, die uns eher schwer fallen, aber komplementär zu unserer Begabungen sind und deswegen häufig gebraucht werden, um das, was uns leicht fällt in einer kultivierten und gemäßigten Spur zu halten. Häufig sind diese ergänzenden Fähigkeiten auch nötig, damit die Begabungen überhaupt fruchten können. Manchmal ist es hier nötig, sich mit Menschen zu umgeben, welchen leicht fällt, was uns selbst schwer fällt oder anders gesagt, die in jenen Feldern begabt sind, in denen wir uns schwer tun.

Eine theoretische Freiheit

Wir sind nicht verpflichtet, das zu nutzen, was uns leicht fällt. Wir sind nicht verpflichtet jene Potentiale zur Blüte zu bringen, welche das Leben in uns angelegt hat. Wir sind nicht verpflichtet, jene Mühen auf uns zu nehmen, die mit der engagierten Entfaltung unserer Potentiale einhergehen. Wir können uns dieser existenziellen Pflicht entziehen. Allerdings, das ist meine persönliche Auffassung, mit der Konsequenz, dass wir an uns selbst vorbeileben und jene gelassene Intensität, welche die Begleiterscheinung beherzter, lustgesteuerter und achtsamer Potentialentfaltung ist, auf andere Weise organisieren müssen.

Ich weiß um die Dicke des Brettes, das ich bohre, wenn ich behaupte, dass der größte Teil der zerstörerischen Dynamik in menschlichen Zivilisationen, auf jene Entschädigungen zu buchen ist, die wir als Konsequenz unserer Lebensverweigerung brauchen, um uns

  • nervöses Kribbeln anstelle von echter Lebendigkeit
  • Macht anstelle von echter Vitalität und
  • vermeintliche Sicherheit anstelle von echtem Vertrauen

zu organisieren. Deswegen lasse ich das Brett auch gleich wieder los und höre sogleich mit dem Bohren wieder auf.

Sie müssen sich für einen ungewissen Weg entscheiden

Die erste Frage, die Sie für sich selbst klären müssen: Möchte ich meine Potentiale entfalten, also glücklich und gelassen leben, auch wenn mich dieser Prozess auf Wege führen kann, die zeitweise höchst unbequem sein können? Oder bin ich bereit, mit Unglück, Unruhe und schlimmstenfalls Unmenschlichkeit für den Verrat an meinen Potentialen zu bezahlen?

Wenn Sie die erste Frage mit „Ja“ beantworten und die zweite mit „Nein“, dann halten die nächsten vier Artikel dieser Serie Gedanken bereit, die Ihnen auf dem Weg der gelassenen Begabungsnutzung helfen können. Wenn Sie anders antworten, dann empfehle ich Ihnen die weiteren Beiträge dennoch und hoffe darauf, dass sich Ihnen unterwegs neue Perspektive und Entwicklungsmöglichkeiten erschließen.

Author Lazy Moe

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