Ich habe in den letzten Tagen keine Feldnotizen geschrieben. Ich war ziemlich absorbiert. Donna Quichotte hatte einen OP Termin.

Ich war im Hintergrund da. Als freundschaftlicher Krankenpfleger ohne angemessene Ausbildung. „Gebucht“ für die 24 Stunden, welche die Anästhesistin vorgeschrieben hatte.

Mein wichtigster Job, wie sich zu Beginn der überschaubaren Betreuungszeit herausstellte: Sie davon abhalten, einfach so weiter zu machen, als sei nix passiert.

Schlachthof-Impressionen

Das Procdedere rund um die Operation hat die mir anvertraute Patientin im Nachhinein als recht kühl und unmenschlich beschrieben.

  • Langes Warten in einem Bereich, den man entspannt mit dem Schlauch hätte abspritzen können.
  • Kalte, abweisende Oberflächen.
  • Prozesse, die auf reibungsloses Schnibbeln optimiert waren. Nicht auf Menschen.

OPs am Fließband. Die Patienten allerdings nicht am Haken hängend. Am Tropf dann aber, kurz bevor es los ging.

Früher haben die Krankenhäuser das Hüten und Betreuen ja selbst übernommen. Die Aufgaben der Patienten und Patientinnen waren überschaubar:

  • Ein paar Tage im Bett bleiben.
  • Sich gefügig versorgen lassen.
  • Schnauze halten.

Und die Aufgaben von Familie, Freunden und anderer Besuchern waren ähnlich klar: Besuchszeiten brav berücksichtigen. Blumen, Saft und Schokolade ran schleppen. Schnauze halten.

Heute operieren sie ambulant. Schicken die Leute heim. Vertrauen darauf, dass die frisch Operierten nicht weiter zappeln.

Aber das ist nicht bei allen sichergestellt.

Also kommen private Krankenpfleger ins Spiel. So wie hier. Der Aufgaben drei:

  1. Fürsorge inklusive Mobilität
  2. Aufpassen und Schlimmeres verhindern
  3. Liebevolle Erziehung – hier besonders relevant

Aber das ist nur die Rahmenhandlung.

Donna Dingsbums

Im Kern begebe ich mich mit Donna Ich-weiß-schon-gar-nicht-mehr-richtig-wie-sie-mit-Nachnamen-heißt auf interessantes Terrain.

Früher habe ich so viel Nähe, gemeinsame Zeit und gemeinsames Wursteln vor allem in romantischen Anbahnungen zugelassen.

Dort und damals ging es darum, die Dame des Begehrens ins Trockene meiner Lebensverplanung zu befördern. Und klar gab es solche Momente auch immer mal nachdem die Beförderung erfolgreich verlaufen war.

Wie es das voll ausgebaute Drama meiner Existenz eben zugelassen hatte.

Hier und jetzt läuft da etwas ganz komisch Angenehmes.

  • Keine lauten romantischen Ambitionen.
  • Kein Basteln an einem provisorischen Hafen mit Aussicht auf ein zukünftiges Hafenstädtchen romantischer Färbung.
  • Keine Versprechen.

Nö!

Einfach da sein. Das Leben und die Nähe dieser schönen Frau genießen.

Und alles weitere dem Wind in der Wohnung überlassen.

Dem Lauf der Dinge folgen

Nix wollen. Nix hinbiegen. Niemanden in nix verwickeln.

  • Das klingt mönchisch.
  • Ist es irgendwie auch.
  • Auf eine lustige, leichte und entspannt neue Art.

Und wie so vieles dieser Tage fühlt es sich trotzdem auch schräg an.

So wie wenn man bei einer brauchbaren Sommerbrise auf der Wiese liegt und den Wolken beim Fliegen zuschaut. Wenn man dann auf die Blätter eines Baumes schaut, fliegen diese plötzlich in die entgegengesetzte Richtung. Die Augen leisten noch die Anpassung von davor.

So ist das hier.

Es fühlt sich schräg an, weil es gerade ist.

Und mein Organismus war daran gewöhnt, dass sich alles schräg anfühlt.

Schrauben und Basteln

Vielleicht sind das jetzt die wirklich interessanten Liebeserklärungen.

  • Jene, die dem Leben im anderen zuwinken.
  • Weil es dort auf einmal die Arme so weit offen hält.
  • Und ich einfach hineinlaufen kann.

Wenn ich will. Und mal unter uns? Wieso sollte ich nicht wollen?

Ich laufe da natürlich nicht mehr so hinein wie früher. Blind und voller existenzieller Sehnsucht nach romantischer Erlösung. Nicht mehr mit dem Überschwang eines Piraten, der ein Handelsschiff entert.

Ich bin ja schon reich. Von Erlösungsgelüsten erlöst. Tief verbunden mit dem Leben.

Geknutscht wird halt in Gedanken.
Also in meinen.

Unbemerkt.

Während sie sich bückt, um wieder irgendetwas

  • zu schieben,
  • zu saugen oder
  • weg zu steckern.

Während sie sich an mir vorbeischiebt – so nah wie nötig, so fern wie möglich. Nie so richtig fern in unserem kontinuierlichen Schrauben und Basteln.

Aber das scheine nur ich verlockend zu finden.

Und spätestens hier schlittere ich in massive Rollenkonfusionen. Auf einmal bin ich in die Rolle des kompetenten, aber konspirativen Mitzapplers verrutscht. Ich bin Komplize statt Krankenpfleger. Schrauber statt Sanitäter.

Außerdem ertappe ich mich bei Gedankenspielen mit deutlich rolleninadäquaten „Interaktionen“. Und sie ertappe ich ständig beim unerlaubten Zappeln.

Meine „offizielle“ Rolle sieht liebevolle Erziehung vor. Aber vermutlich schließt diese Hauen und echte Bestrafung aus. Ist auch fraglich, ob das ihrer Genesung zuträglich wäre.

Hauen ist also ausgeschlossen. Ermahnungen entfalten keine Wirkung. Und knutschen würde bei gegenseitigem Einvernehmen eher zur Belohnung mutieren.

Ich sitze in der Falle.

Ganz schön verwirrend

Schlimmste Entgleisungen auf meiner Seite kann ich mit situativem Abstand, tiefer Atmung und Streicheln des Katers verhindern. Ihr ständiges Gezappel kann ich mit zärtlichen Schimpftirraden eindämmen.

Und in alledem muss ich mich schon deutlich über mich selbst und meine ausdauernd stabile Grabschhemmung wundern.

Dabei ist eins besonders verwirrend und schön:

  • Dass dieser alte romantische Erlösungsdrang auf einmal zur Ruhe kommt.
  • Nicht weil ich ihn unterdrücke.
  • Nicht weil ich besonders diszipliniert geworden wäre.

Sondern durch die Qualität von Nähe, die mit dieser Frau möglich ist. Selbst wenn daraus möglicherweise nie „mehr“ wird.

Und es ist gut, dass hier nicht mehr alles auf dem Spiel zu stehen scheint.

Ich habe mittlerweile anderes zu tun, als mich romantisch aufzulösen. Das hier schreiben und veröffentlichen zum Beispiel.

Author Lazy Moe

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